Antikriegstag 2010 - Eröffnung der Mahn- und Gedenkveranstaltung am 4. Sept. 2010 in Stukenbrock
Hubert Kniesburges Vorsitzender des Arbeitskreises
BLUMEN FÜR STUKENBROCK
Liebe Friedensfreundinnen und -freunde, verehrte Anwesende,
65 Jahre nach Kriegsende versammeln wir uns hier auf diesem Gräberfeld anlässlich des Antikriegstages, der an den völkerrechtswidrigen Angriff der Wehrmacht am 1. September 1939 auf Polen erinnert. Wir gedenken der 65.000 toten sowjetischen Kriegsgefangenen, die hier im Lager 326 zu Tode gequält wurden. Außer ihnen starben in diesem Lager zahlreiche Gefangene und Zwangsverschleppte aus der UdSSR, aus Polen, Frankreich, Italien und Jugoslawien.
So wie wir an ihr Leid und an ihren Tod erinnern, gedenken wir all der vielen Millionen Menschen, die im 2. Weltkrieg und den vielen Kriege danach, so auch in Jugoslawien, dem Irak, Afghanistan ihr Leben verloren haben. All diese Toten mahnen uns, Kriege als Mittel der Politik zu verdammen!
Mit einer Schweigeminute wollen wir der Toten gedenken.
Vor wenigen Tagen mussten wir miterleben, wie diese Mahn- und Gedenkstätte durch faschistische Schmierereien geschändet wurde. Mit dem Zeichen der Nazi-Verbrecher - dem Hakenkreuz, wurde eine Stele vor den Massengräbern beschmiert. Am Obelisken war aufgesprüht: Ruhm und Ehre der Waffen-SS – jener blutrünstigen faschistischen Verbrecherorganisation, die folternd und mordend durch Deutschland und durch Europa zog.
Diese niederträchtige Tat demütigte und verhöhnte die Opfer der Nazi-Wehrmacht im Stalag 326, die Überlebenden und deren Angehörigen ein weiteres Mal.
Ich schäme mich dafür und ich entschuldige mich bei den Überlebenden, bei den Angehörigen der hier begrabenen Opfer und bei den Gästen aus den Staaten der ehemaligen Gefangenen. Der Arbeitskreis BLUMEN FÜR STUKENBROCK, die Jugendlichen des Antifa-Camps und ihr, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser Mahn- und Gedenkveranstaltung stehen mit vielen, vielen Menschen der Region für ein antifaschistisches Deutschland.
Seit Tagen wird in der deutschen Öffentlichkeit über den Volksverhetzer Thilo Sarrazin diskutiert. Gerade seine von Nationalismus und Rassismus geprägten Aussagen befördern jenes Klima, in dem neue und alte Nazis sich prächtig bewegen können.
Die großen deutschen Antifaschisten Esther Bejarano und Peter Gingold stellen in ihrem „Appell an die Jugend“, den sie 1997 anlässlich des 50-zigjährigen Gründungstages der VVN/BdA veröffentlichten, fest: „1945 war es für uns unvorstellbar, dass Ihr, die Nachgeborenen, erneut konfrontiert sein würdet mit Nazismus, Rassismus, einem wieder auflebenden Nationalismus und Militarismus. …“ Sie setzen „Auf eine Jugend, die das alles nicht stillschweigend hinnehmen wird! Wir bauen auf eine Jugend, die sich zu wehren weiß, die nicht kapituliert, die sich nicht dem Zeitgeist anpasst, die ihm zu trotzen versteht, und deren Gerechtigkeitsempfinden nicht verloren gegangen ist.“
Es ist unerträglich, dass in unserem Land die Ausbreitung des faschistischen Gedankengutes zugelassen wird. Ein Verbot neonazistischer Parteien und Organisationen ist überfällig.
Mit besonderer Genugtuung habe ich das Verbot des Nazi-Aufmarsches in Dortmund zur Kenntnis genommen. Von dieser Stelle aus wünsche ich der Aktion „Dortmund stellt sich queer“ eine friedlichen Verlauf.
Jetzt geht der Frieden los – so titelte 1989 eine deutsche Zeitung. Und wahrscheinlich haben viele von Ihnen genau wie ich nach dem Fall der Mauer und dem Ende des Kalten Krieges genau das gedacht: Das unsere Welt nun friedlicher werden wird.
Das war ein Trugschluss. Und an keinem anderen Ort in Deutschland wird das so deutlich, wie hier in der Senne. Hier zeigt sich, wie weit sich die Welt, wie weit sich Europa und wie weit sich Deutschland von einer friedlichen Welt fortbewegt haben.
Wir stehen hier am Rand des britischen Truppenübungsplatzes „Senne“ und in der Nachbarschaft des bedeutenden Bundeswehrstandortes Augustdorf. Ostwestfalen-Lippe entwickelt sich mehr und mehr zu einer Militärregion von strategischer Bedeutung. Die britische Rheinarmee baut nur wenige Kilometer von hier entfernt neue Kampfdörfer. Dort lernen die britischen Soldaten das Töten im Häuserkampf in den Dörfern und Städten Afghanistans und anderen Krisenregionen der Welt.
Wir brauchen in Ostwestfalen-Lippe keine Lernorte des Tötens. Die Senne als Nationalpark eröffnet Perspektiven für zahlreiche zivile Nutzungsmöglichkeiten, die Region für die Menschen lebenswerter macht.
Augustdorf wird zur logistischen Drehscheibe für die weltweiten Einsätze der Bundeswehr aufgerüstet. Bis 2016 werden 10 Mrd. Euro am Standort in eine neue Software investiert, die die Logistik unterstützt.
Die Bewährungsprobe kommt in wenigen Monaten. Im Februar 2011 wird sie erstmals bei einem Auslandseinsatz in Afghanistan in Anwendung kommen. Dann erhalten etwa 400 Soldaten und Soldatinnen aus Augustdorf ihren Befehl zu ihrem Kriegseinsatz am Hindukusch.
Das dient nicht etwa der Verteidigung von Freiheit und Demokratie, wie es uns einst der sozialdemokratische Kriegsminister Peter Struck weismachen wollte. Die elektronische Aufrüstung am Standort Augustdorf ist ein weiterer Baustein beim Umbau der Bundeswehr zur weltweit aktiven Interventionsarmee. Dieser Umbau ist genauso grundgesetzwidrig wie der Kriegseinsatz in Afghanistan. Der Kriegs- und Aufrüstungskurs ist zu stoppen. Der Krieg in Afghanistan muss beendet und die Bundeswehr umgehend abgezogen werden. Damit erhält der zivile Aufbau eine reelle Chance.
Das erwartet eine Mehrheit der Menschen in unserem Land und das gilt es, besonders heute herauszustellen, dem Jahrestag des Massakers von Kunduz, dem 142 Zivilisten zum Opfer fielen. Der 4. September 2009 beendete die Lebenslüge vom „Nicht-Krieg in Afghanistan“.
„Nie wieder Krieg – nie wieder Faschismus“ oder „Jetzt geht der Frieden los!“ - so brachten die Menschen in Deutschland ihre Friedenssehnsucht nach der Befreiung vom Faschismus 1945 oder nach 1990 zu Ausdruck. Doch die Chance grundlegender Veränderung wurde nach 1946 mit dem kalten Krieg beantwortet. Statt Friedensdividende zu gewähren, beteiligte Deutschlands sich an dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen Jugoslawien und am gegenwärtigen Krieg in Afghanistan. Aber nicht nur in der Außenpolitik blieben historische Chancen ungenutzt. So ist nach dem Mauerfall ein Aufflammen von Nationalismus und Rassismus zu verzeichnen. Die Nachkriegsentwicklung sowie die deutsche Spaltung werden heute bewusst mit der herausgehobenen Erinnerung an den 3. Oktober 1990 verklärt.
Der 3. Oktober 1990 ist für die Menschen in Deutschland ein wichtiges Datum. Doch ist es das geeignete historische Datum für den Nationalfeiertag? 20 Jahre nach dem Einigungsvertrag - und jetzt zitiere ich wieder Ester Bejarano und Peter Gingold aus „Appell an die Jugend“ - ist nichts von dem Traum zu spüren „von einem Leben in sozialer Gerechtigkeit, in Frieden und Freundschaft mit allen Völkern.
Von dem Traum, „dass nun für alle Zeiten unsere Kinder und Kindeskinder sich der Sonne, der Blumen, der Liebe erfreuen können, ohne in Angst vor Faschismus und Krieg leben zu müssen. Nach der Befreiung war es für uns, die Überlebenden, unvorstellbar, daß fast nichts von unseren Visionen und Hoffnungen in Erfüllung gehen würde.“
Bietet nicht die Aufwertung des 8. Mai zum Nationalfeiertag die Chance, diesen Traum zu verwirklichen? Der 8. Mai als deutscher Nationalfeiertag trägt dazu bei, ein antifaschistisches, humanes, freiheitliches Deutschland zu schaffen, in dem einem Wiederaufflammen des Nazismus, nationalem Größenwahn und rassistischen Vorurteilen keinen Raum mehr gegeben wird.
Verehrte Anwesende, liebe Freundinnen und Freunde,
auch in diesem Jahr ist für uns die Solidarität mit den Überlebenden des Lagers eine Herzensangelegenheit. Für uns sind diese Menschen nicht vergessen. Wie in den vergangenen Jahren wollen wir auch 2010 wieder Gelder sammeln, die wir diesen Menschen in den Ländern der ehemaligen UdSSR zukommen lassen wollen. Wir bitten Sie, auch heute nach der Veranstaltung um einen Beitrag zu dieser Solidarität.
Wir sind vor über 40 Jahren angetreten, um gegen den Zeitgeist Brücken nach Osten zu bauen und uns gegen das Vergessen zu engagieren. Gerade heute ist es wichtig, angesichts der 65.000 Toten von Stukenbrock, erneut an die Verantwortlichen in unserem Lande zu appellieren, alles zu tun, dass Frieden bleibt, Frieden zwischen den Menschen, Frieden zwischen den Völkern.


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