Rede zur Gedenkveranstaltung auf dem Sowjetischen Soldatenfriedhof am 4. September 2010 (Dr. Gabriele Krone-Schmalz)
Sehr geehrte Damen und Herren,
2010 ist eine denkwürdige Jahreszahl.
65 Jahre sind seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vergangen.
25 Jahre seit dem Beginn der Perestroika Politik Michail Gorbatschows,
20 Jahre deutsche Einheit, der 40 Jahre deutsche Teilung und die Existenz von Bundesrepublik Deutschland und Deutscher Demokratischer Republik vorangegangen waren. Anlässe genug um zurückzublicken, innezuhalten und nach vorne zu schauen.
Zunächst der Blick zurück. Ich kann mich gut an meine Empörung erinnern, als ich Ende der 80er Jahre jemand, dem ich vertraute und den ich schätzte, sagen hörte: „Für Freudentaumel besteht kein Anlass. Wir werden den Zeiten der Ost-West-Konfrontation noch nachtrauern. Das war klar, eindeutig, überschaubar, eine ausgewogene Balance der Abschreckung.“ Diese Aussage gefällt mir heute immer noch nicht, aber die Zeiten sind wahrlich nicht beherrschbarer geworden. Wer hätte das gedacht, in der glücklichen Phase der Gorbimanie, voller Hoffnung, Nähe und Herzlichkeit.
Ich kann mich auch gut daran erinnern, wie überrascht und hilflos der Westen auf die Abrüstungsvorschläge Michail Gorbatschows, also damals noch der Sowjetunion, reagierte. Das hatte man zwar jahrelang mit Vehemenz gefordert, aber doch nicht damit gerechnet, dass den Forderungen entsprochen werden könnte. Darauf war man im Westen nicht vorbereitet.
Später dann - die Sowjetunion brach zusammen, der Warschauer Pakt verschwand, das ehemalige Jugoslawien ein Pulverfass mit mehr als einer Lunte.
Moskau war bereit, sich an einer neuen Sicherheitsarchitektur zu beteiligen, aber der Westen war nicht bereit, es sich beteiligen zu lassen. Eine vertane Chance? Möglich. Statt weitblickend an stabilen Verhältnissen zu bauen, verlor sich der Westen in Siegermentalität und Besitzstandswahrung – die NATO blieb wie sie war, dehnte sich sogar nach Osten aus. „Wir haben den Kalten Krieg gewonnen.“ Hieß es landauf landab. Wer solche Sätze sagt, hat nichts begriffen.
Entweder ein Kalter Krieg ist zu Ende oder er dauert an. Überstandene Kalte Kriege haben nur Sieger, sonst sind sie nicht überstanden, sonst dauern sie an.
Und jetzt? Heute? An allen Ecken und Enden brennt es. Irak, Afghanistan, Naher Osten. Terrorismus bestimmt die Ausrichtung der Politik. Terrorismus, der erst zur Kenntnis genommen wurde, als es in einer Metropole des Westens krachte. Die Weltwirtschaftsordnung verdient die Bezeichnung Ordnung nicht mehr. Zockerei und eine Mischung aus Perversion und Zynismus hebt alles aus den Angeln. Börsen, die wie Kartenhäuser sind und beim leichtesten Windzug zusammenstürzen, haben reale Wertschöpfung und Fakten abgelöst. Psychologie, zweifelhafte Rankings und Stimmungsmache entscheiden über die Existenz oder den Bankrott von Firmen, zuweilen sogar von Staaten.
Welch eine Chance, ein Land wie Russland mit seinen Erfahrungen, seiner Geschichte, an den Überlegungen zu beteiligen, wie diesen Fehlentwicklungen zu begegnen ist. Gemeinsam nach Antworten auf Fragen suchen, die Deutsche und Russen und viele andere gleichermaßen beschäftigen.
Nutzen wir diese Chance? Wie ist Frieden zu erhalten oder zu schaffen? Was ist überhaupt Frieden? Sicher mehr als die Abwesenheit von Krieg. Soviel ist klar: Frieden ist harte Arbeit. Dazu gehört auch, das eigene Verhalten immer wieder zu überprüfen: Bin ich fair in meinen Urteilen? Messe ich mit zweierlei Maß?
Welche Feindbilder habe ich und warum? Es fällt auf, dass – sobald Russland ins Spiel kommt - die Neigung mit zweierlei Maß zu messen groß ist. Das lässt sich mit unzähligen Beispielen belegen. Es ist hier nicht der Ort und nicht die Zeit, sie im Einzelnen aufzuführen – nur soviel: selbst Waldbrände werden anders wahrgenommen und kommentiert, sobald sie – statt wie üblich in Australien, Kalifornien, Griechenland, Spanien und Portugal – nun auch mal in Russland wüten. Ein russischer Ministerpräsident, der sich in einem Löschflugzeug ablichten lässt ist verwerflicher als ein amerikanischer Präsident, der unter den Augen der Medien mit seiner Tochter im Golf von Mexiko badet. Beide haben die gleiche Absicht: ein Signal an ihre Bürger zu senden.
Seht her, ich kümmere mich, ich mach das schon. Kein Grund zur Sorge.
Die Neigung mit zweierlei Maß zu messen, ist nicht nur sehr verletzend für die Bürger Russlands, diese Neigung verhindert auch ein tieferes Verständnis Russlands – und zwar Verständnis nicht im Sinne von „ich versteh dich ja so gut, das ist schon in Ordnung, was Du machst“, sondern verstehen im Sinne von begreifen was Sache ist. Wer sich dieser Mühe nicht unterzieht, ist anfällig für Feindbilder. Feindbilder haben in der Geschichte immer eine verheerende Rolle gespielt. Persönlichkeiten wie Hans Dietrich Genscher und Michail Gorbatschow werden nicht müde darauf hinzuweisen, denn Feindbilder reduzieren die Hemmschwelle für Kriege. Das hat auch der israelische Schriftsteller Uri Avnéry – wie ich finde – mal sehr eindrucksvoll gesagt.
Auf die Frage, warum es im Nahostkonflikt keine Lösung gibt, hat er so geantwortet: weil die Menschen falsch informiert sind. Israelis halten alle Palästinenser für Terroristen und Palästinenser halten alle Israelis für vernichtungswütige Zionisten, weil es das ist, was jeweils verbreitet wird, von Medien und Politik. So Uri Avnéry. Noch mal: Frieden ist harte Arbeit, die es hin und wieder auch nötig macht, keine Rücksicht zu nehmen auf Zeitgeistströmungen, die gerade opportun sind.
Ebenso wichtig ist es, keine Angst vor heiklen Themen zu haben.
Ich habe immer wieder erlebt, dass Menschen vor Themen zurückschrecken, weil sie Angst haben, vor falsche Karren gespannt zu werden. Aber auf diese Weise überlässt man richtige, weil Menschen beschäftigende Themen, vielleicht den falschen Leuten. Die Gefahr besteht, wenn man sich drückt. Es hilft nichts, heikle Themen zu etikettieren und nach der politischen Farbenlehre wegzusortieren. Sollen sich andere den Mund verbrennen. Wird schon gut gehen, wenn niemand dran rührt. Es hilft nichts, sich hinter Worthülsen zu verstecken. Nach dem Motto: Wenn ich nur oft genug „soziale Gerechtigkeit“ sage, dann kann mir keiner. Es hilft auch nichts, gleich loszuprügeln, wenn Reizworte fallen wie Ausländerkriminalität, Hartz 4 Missbrauch oder was sich da sonst noch anbietet. Zuhören, ernst nehmen, Respekt zeigen, würdevoll streiten und fair kämpfen. Das kann man lernen, am besten so früh wie möglich.
Als Zielvorgabe im Kindergarten, als Unterrichtsfach in der Schule.
Für mich gehört zur Friedensarbeit auch, sich selbst nicht als Nabel der Welt zu begreifen und zum Maßstab aller Dinge zu machen. Theoretisch wird das fast jeder unterschreiben, denke ich. Die praktische Umsetzung ist da schon schwieriger. Konkret: Ich möchte um Himmels Willen nicht darauf verzichten, in einer demokratisch verfassten Gesellschaft zu leben. Das ist mir lieb und wert und ich versuche meinen Teil dazu beizutragen, diese Gesellschaft zu erhalten.
Aber es nützt doch nichts mit Blick auf Russland ständig mit dem Begriff Demokratie zu wedeln und so zu tun, als könne der im luftleeren Raum irgendeine Kraft entfalten. Dazu braucht man Strukturen, die man aufbauen und gestalten muss, vielleicht auch testen, bevor man sie nutzen kann. Mittel und Wege, um ein Ziel zu erreichen – eine lebenswerte Gesellschaft in Frieden – müssen den örtlichen Gegebenheiten angepasst sein und die sind nun einmal in Deutschland andere als in Russland. Das hat sehr wenig mit Ideologie zu tun, aber eine Menge mit praktischer Politik, auch und gerade Friedenspolitik.
Menschen neigen dazu – ganz gleich ob in Deutschland oder Russland oder sonst wo – Menschen neigen dazu, zuerst darauf zu schielen, wer etwas sagt, aus welcher politischen Ecke der kommt, bevor sie sich mit der inhaltlichen Aussage befassen. Das hat mit Berührungsängsten zu tun, mit Unsicherheit, Bequemlichkeit, mit Trends und Zeitgeistströmungen. Dieser Mechanismus blockiert von vornherein jede konstruktive Auseinandersetzung, weil die vermeintliche Positionsbestimmung im politischen Raster wichtiger wird als das, worum es eigentlich geht: der Gedanke, die Idee. Darauf mal zu achten – würde ich Ihnen gerne in aller Bescheidenheit als Rat mitgeben wollen. Es hilft, im besten Sinne zu streiten, friedlich zu streiten, glauben Sie mir.
Noch zwei Gedanken zum Schluss. Die Bedeutung von Bildung und Information (und damit auch von Medien) für Frieden in der Welt kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Kritische fundierte Berichterstattung ist ein hohes Gut, nicht zu verwechseln mit Empörungs- und Eskalationsjournalismus.
Es macht mir Sorge, dass unsere Medienlandschaft strukturell viel mehr Möglichkeiten bietet, Missverständnisse zu produzieren, als Chancen sie auszuräumen. Jemanden einer „falschen Denkungsart“ zu bezichtigen, das geht schnell, das schafft man notfalls in 30 Sekunden. Diesen Verdacht auszuräumen dauert länger, dafür ist kein Platz und keine Zeit.
Der zweite Punkt, mindestens genauso wichtig. Es klingt banal und doch kann man es nicht oft genug wiederholen. Junge Menschen müssen raus von zu Hause, hinaus in die weite Welt, sie müssen andere Länder und Kulturen erleben. Jugendliche, die sich der Welt durch eigene Anschauung bemächtigen, die Feindbilder an Ort und Stelle überprüfen können - das ist für mich aktive Friedenspolitik.
Die Menschen, die hier begraben liegen und die in friedlichen Zeiten vermutlich länger und besser gelebt hätten, sollten uns immer wieder Mahnung sein und zugleich Ansporn für jeden einzelnen, alles zu tun, was möglich ist, um so einen Irrsinn wie Krieg zu verhindern.
Meinen Respekt und meine Anerkennung für die Mühe und Energie, mit der Sie hier dieses Gedenken beibehalten und pflegen.


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