Antikriegstag 2014 - Mahn- und Gedenkveranstaltung am 6. September in Stukenbrock-Senne

Lühr Henken, Berlin, Sprecher des Bundesausschusses Friedensratschlag
Rede „Blumen für Stukenbrock“, 6.9.2014

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Kolleginnen, liebe Kollegen
Vielen Dank für die Einladung. Ich wurde gebeten, etwas zu den aktuellen Konflikten und Kriegen und der deutschen Beteiligung daran zu sagen. Ich muss sagen, dabei bin ich an die Grenze zur Überforderung gekommen, denn die Dramatik der Kriege hat sich in den letzten Monaten, was sowohl die Quantität also auch die negative Qualität anbetrifft, in unvergleichlichem Maße ausgedehnt. Ich liste einmal nur die vernehmbarsten Kriege in alphabetischer Reihenfolge auf: Afghanistan, Gaza, Irak, Jemen, Libyen, Mali, Nigeria, Pakistan, Somalia, Sudan, Südsudan, Syrien, Ukraine, Zentralafrika.
Da musste ich mich beschränken. Ich wende mich zunächst den Kriegen zu, die von USA und NATO im so genannten Krieg gegen den Terror zu den größten Zerstörungen führten. Studien im Auftrag der IPPNW zeigen, dass im Irakkrieg seit 2003 mindestens eine Million Menschen direkt getötet wurden, für Afghanistan liegt die Schätzung für alle Kriegstoten bei 180.000 bis 240.000 und für Pakistan, dessen Bürgerkrieg und der Drohnenkrieg der USA direkte Folgen des Angriffs auf Afghanistan sind, bei 80.000. Der NATO-Krieg in Libyen forderte etwa 50.000 Tote. Diese westlichen Kriege haben die Lage in den betroffenen Ländern massiv verschlechtert. Sie zerstörten die Infrastruktur, die Lebensgrundlagen und zerrütteten die Gesellschaften. Nach dem Rückzug nahm die Gewalt zu. Trotzdem setzt die NATO, inklusive die Bundesregierungen seit 20 Jahren darauf, ihre Armeen fit für den weltweiten Militärinterventionismus zu machen. Ich finde diesen Weg grundfalsch. Ich lehne Auslandseinsätze der Bundeswehr strikt ab.
Der Hilferuf von UNICEF, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, ist Ausdruck der außerordentlich prekären Lage. UNICEF steht in seiner Geschichte vor einem Novum. Noch nie musste es vier Nothilfe-Einsätze der höchsten Dringlichkeitsstufe gleichzeitig bewältigen. Besonders dramatisch sei die Lage im Irak, Südsudan, Syrien und Zentralafrika. Dabei ist noch nicht einmal die extreme Situation der Kinder in Gaza berücksichtigt. Ich möchte da nur eine Zahl nennen. Die UNO geht davon aus, dass in Gaza jedes Kind nach dem 50-Tage-Krieg eine psychologische Unterstützung braucht. Das sind über 400.000 Kinder! Ein Psychologe zählt die Symptome der Kinder auf: „Unruhe, Bettnässen, Albträume, Konzentrationsverlust, Aggressivität, asoziales Verhalten und massives Unsicherheitsgefühl.“ Das seien keine posttraumatischen Belastungsstörungen. Das „Post“ gebe es nicht, denn die Traumata des letzten Krieges in Gaza seien noch nicht verheilt, wenn es wieder losgehe. Hier wird deutlich, dass der Krieg zwischen Israel und den Palästinensern keine Probleme löst, sondern sie von Krieg zu Krieg vergrößert. Die Gewalt ist irrsinnig. Sie gebiert neuen, verzweifelten Hass und schafft neue Gewalt. Radikalität und Kompromissunfähigkeit nehmen zu. Es ist höchste Zeit endlich aus der Gewaltspirale auszusteigen! Bleibt es nur bei einem Waffenstillstand und einer kontrollierten Aufhebung der Blockade, ist der nächste Krieg programmiert. Denn nach diesem Krieg herrscht dieselbe Situation, die zu diesem Krieg geführt hat. Es ist Zeit für eine umfassende Nah-Ost-Friedenslösung, die man nicht den USA allein überlassen kann. Alle ungeklärten Fragen müssen unter dem Dach der UNO mit den Beteiligten und ihren Schutzmächten in der Region und außerhalb verhandelt werden. Im Rahmen einer solchen Konferenz müssen auch die Massenvernichtungswaffen in der Region thematisiert werden. Die Lippenbekenntnisse der Bundesregierung für eine Zwei-Staatenlösung sind unzureichend. Sie muss hier endlich diplomatische Verantwortung übernehmen und handeln.
Im Folgenden will ich mich auf nur zwei Konfliktfelder beschränken: den Nord-Irak und die Ukraine.
Deutschland ist der größte Waffenexporteur der EU und der drittgrößte weltweit im Zeitraum 2009 bis 2013. Insbesondere der Waffenexport in Länder außerhalb von EU und NATO trägt zu dieser traurigen Spitzenstellung bei, denn er hat sich in den letzten 10 Jahren unter Merkel verdreifacht. Dies im Widerspruch zu den Richtlinien, wonach in diese Ländergruppe nur „restriktiv“ exportiert werden soll. Rüstungsgüter gehen in 136 Länder, Spannungsgebiete eingeschlossen. Am vergangenen Wochenende beschloss die Regierung erstmals, in einem akuten Krieg Waffen an eine Konfliktpartei zu liefern – als Nothilfe für die kurdischen Peschmerga deklariert, damit diese sich gegen Angriffe des grausam vorgehenden „Islamischen Staat“ (IS) verteidigen können. Ein Tabubruch! Diese deutschen Waffenlieferungen, ihr Wert beträgt 70 Millionen Euro, sind kein Pappenstiel. Mit 24.000 Sturmgewehren und Pistolen sowie acht Millionen Schuss Munition und 4.000 Anti-Panzer-Raketen sollen vier kurdische Großverbände von jeweils 4.000 Mann ausgerüstet werden. Damit wird die mit Abstand größte Armee der Kurden weiter aufgerüstet. Dabei hatte das 100.000 Mann-Heer der Peschmerga die flüchtenden Jesiden und Christen gar nicht verteidigt, sondern im Stich gelassen. Und das nicht etwa, weil sie nicht über geeignete Waffen verfügten, denn sie haben sogar Kampfpanzer. Das wirft gravierende Fragen auf. Werden die Waffen tatsächlich nur zur Verteidigung eingesetzt, wie angeblich verabredet, oder dienen sie in Kombination mit schweren Waffen dazu, den Kurden des Nord-Irak die angestrebte staatliche Unabhängigkeit zu sichern? Das wäre allerdings katastrophal. Zum einen wäre es völkerrechtswidrig und zum anderen würde es den Irak in drei Teile teilen: In einen kurdischen Norden, einen schiitischen Süden und eine sunnitische Mitte. In dieser Mitte würde Bagdad mit seiner schiitischen Mehrheit liegen. Die Gewalt würde sich noch verstärken.
Eine weitere Frage: Was ist mit dem Endverbleib der Waffen? Wo Waffen letztlich bleiben, kann kaum kontrolliert werden, schon gar nicht im Waffenbasar Nahost. Erinnern wir uns daran, dass im Irak seit sieben Jahren 110.000 Gewehre und 80.000 Pistolen vermisst werden, die von den USA geliefert wurden. Eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung lehnt Waffenexporte ab. Auch diese in den Nord-Irak. Ich frage: Wann nehmen Regierung und Bundestag endlich wahr, dass sie dem Volk zu dienen haben?
Wäre es nicht viel wichtiger, dafür zu sorgen, dass der immense grenzüberschreitende Warenhandel der IS insbesondere mit der Türkei unterbunden wird? Und dass der Zulauf von Dschihadisten zum IS aus der Türkei verhindert wird? Wie kann es angehen, dass die Sponsoren der IS in Saudi-Arabien, Kuwait und Katar weiter mit gewaltigen Waffenexporten aus Deutschland rechnen können?
Der Konflikt im Irak kann nicht mit Waffengewalt gelöst werden, sondern nur durch Verhandlungen. Hier muss der Tatsache Rechnung getragen werden, dass die Kurden und Schiiten es schlicht und ergreifend mit einem Aufstand der Sunniten im Irak zu tun haben. 2003 wurde als Folge des völkerrechtswidrigen Krieges der USA und seiner Koalition der Kriegswilligen die herrschende Baath-Partei mit ihrer gesamten Armee aufgelöst und von der politischen Teilnahme ausgeschlossen. Die USA unterstützten die Herrschaft des Schiiten al-Maliki, die die Marginalisierung der Sunniten brutal fortsetzte. Nun hat sich ein sunnitisches Bündnis von sich barbarisch gebärdenden Islamisten, ehemaligen Offizieren Husseins und sunnitischen Stämmen erhoben. In diesem Bündnis im Irak stellt der IS eine zahlenmäßige Minderheit. Weniger als 20 Prozent der etwa 60.000 Kämpfer zählen zum IS. Das sunnitische Bündnis ist instabil, denn säkulare Sunniten haben kein Interesse an einem totalitären Kalifat. Ich denke, es kommt politisch darauf an, Stämme und Baathisten gleichberechtigt in den politischen Prozess des Irak einzubeziehen. Damit wäre das sunnitische Bündnis gesprengt und der IS isoliert. Waffen an kurdische Separatisten zu liefern ist in jedem Fall der falsche Weg. Ich fordere die Regierung auf, die Entscheidung rückgängig zu machen. Stoppt den Waffenexport!
Der Krieg in der Ostukraine ist eskaliert. Er hat bereits 3.000 Tote gefordert und eine Million Menschen in die Flucht getrieben. Wenngleich seit Freitagnachmittag eine Waffenruhe herrscht, überwiegt Skepsis, ob sie hält. Der Konflikt ist seit Ende des Kalten Krieges der gefährlichste in Europa. Mit Russland und den USA treffen atomare Großmächte aufeinander. Eine militärische Lösung kann und darf es nicht geben. Dieser Konflikt muss politisch gelöst werden. Wenn nicht, möchte ich mir die Konsequenzen nicht ausmalen.
Lösen, aber wie? Die Kontroverse beginnt bei der Ursachenanalyse. Holzschnittartig herrscht im Westen folgende Lesart vor: Putin ist schuld. Er will die Revision der Niederlage im Kalten Krieg. Also, zurück zur Stärke der Sowjetunion. Die Krim war der erste Streich, die Ukraine soll der zweite sein. Balten und Polen leben in Furcht vor dem russischen Bären. Wo ist Schluss mit der russischen Aggression? Wenn diese Analyse stimmt, dann ist folgerichtig gedacht, muss der Westen den unterstellten russischen Vormarsch zum Stoppen bringt. Sein Rezept: Sanktionen, NATO-Truppen an die russischen Grenzen verlegen, Militärmanöver durchführen, Rüstungshaushalte hochfahren, Beistandsversprechen festigen, superschnelle Eingreiftruppe aufbauen, Hauptquartier in Polen ausbauen, ukrainische Armee umfassend stärken. Die Frage ist: Befördert dieser Konfrontationskurs russisches Einlenken? Eher nicht. Russland ist mit dieser Art der Konfliktlösung nicht einverstanden. Es droht Gegenmaßnahmen an. Man liest, eine Änderung der Militärdoktrin soll den Ersteinsatz taktischer Nuklearwaffen ermöglichen. Damit finden wir uns alle in der sattsam bekannten Situation des Wettrüstens wieder. Was ist gut daran? Wo wird das enden?
Ich teile die im Westen vorherrschende Analyse nicht. Ich sehe Russland in der Defensive. Das hat 1945 damit begonnen, dass die USA eine atomare Aufrüstung begann, die das Ziel Sowjetunion hatte. Diese Aufrüstung bedrohte die Sowjetunion 45 Jahre lang in seiner Existenz und den ganzen Planeten gleich mit. Nach dem Sieg der NATO im Kalten Krieg wurde die angedachte Partnerschaft mit Russland durch die Osterweiterungen zuerst der NATO, dann der EU, konterkariert. Die USA kündigten das Abkommen über Raketenabwehr mit Russland und wollen Raketen in die Nähe der russischen Grenze aufstellen. Russland fühlt sich nach den jahrzehntelangen schlechten Erfahrungen mit der NATO bedroht und lehnt diese westlichen Maßnahmen ab. Eine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine verletzt die strategischen Kerninteressen Russlands. Russland baut dagegen Widerstand auf. Die Einnahme der Krim und der Aufstand im Donbass sind keine Elemente einer strategisch angelegten russischen Großmachtpolitik, sondern lediglich eine Reaktion auf den Putsch prowestlicher Neoliberaler und einer faschistisch durchwirkten Regierung in Kiew, die eine Westintegration in EU und NATO anstrebt. Käme das durch, würde die Ukraine ihre Funktion als Puffer zwischen Russland und NATO verlieren.
Wenn diese Analyse richtig ist, muss die Konfliktlösung darin bestehen, der souveränen Ukraine dauerhaft einen neutralen Status zu geben. Folglich verschärfen aktuelle Bestrebungen, die Blockfreiheit des Landes wieder aus der Verfassung zu streichen, den Konflikt. Deutschland und Frankreich haben 2008 maßgeblich verhindert, dass die Ukraine in die NATO aufgenommen wird. Ich fordere die Bundesregierung auf, sich für die Festschreibung der ukrainischen Neutralität einzusetzen.
Darüber hinaus bedarf es politischer Vereinbarungen, damit die Beziehungen in Europa nachhaltig stabil werden. Die NATO-Russland-Akte ist unzureichend. Im konventionellen Bereich herrscht ein vertragsloser Zustand. Da der KSE-Vertrag gekündigt ist, sind nationale Obergrenzen für Soldaten, Panzer, Artillerie, Kampfflugzeuge und Kampfhelikopter zwischen dem Atlantik und dem Ural aufgehoben. Ich plädiere dafür, unverzüglich mit Rüstungskontroll- und Abrüstungsverhandlungen zu beginnen, die an den guten Erfahrungen mit dem KSE-Abrüstungsvertrag anknüpfen. Das heißt: niedrige Obergrenzen bei schweren Waffen des Heeres und der Luftwaffe sowie Raketen und Marinen. Flankenregelungen, die Obergrenzen in grenznahen Regionen festlegen, tragen zusätzlich zur Stabilität bei. Ich frage: Ist es nicht endlich an der Zeit, 25 Jahre nach Ende des Kalten Krieges, damit zu beginnen, das „gemeinsame Haus Europa“ mit Leben zu erfüllen, wegzukommen von der Konfrontation hin zur Gestaltung der Gemeinsamen Sicherheit? Bietet die Krise nicht eine Chance, um die Atomwaffenarsenale aus Europa fortzuschaffen, die Raketenabwehr und die Osterweiterungsabsichten der NATO aufzugeben? Wenn nicht jetzt, wann dann?

Liebe Freundinnen und Freunde,
Bundespräsident und Regierung schicken sich an, die Zustimmung der Bevölkerung für weltweite Bundeswehreinsätze zu gewinnen. Noch in dieser Legislaturperiode kommt das vor 20 Jahren begonnene Aufrüstungsprogramm, das 100 Milliarden Euro verschlang, und die Bundeswehr weltweit angriffsfähig machen soll, zum Abschluss. In zwei bis drei Jahren wird es erstmals möglich sein, mit einer Flotte von 40 Military-Airbussen 11.000 High-Tech-Infanteristen, samt neuen Schützenpanzern, Kampf- und Transporthubschraubern in jede Kampfzone der Welt zu befördern. Mit Korvetten und Fregatten wird Landbeschuss aus Hunderten Kilometern Entfernung möglich und 600 Marschflugkörper können, von Eurofightern gestartet, noch nach 500 km Flug vier Meter Beton durchschlagen. Optimiert werden sollen die Auslandseinsätze erstmals durch Kampfdrohnen. Als Begründung dafür wird der unmittelbar notwendige Schutz von Soldaten angegeben. Aber das ist nur eine Teilwahrheit. Darüber hinaus sind schon jetzt Einsatzszenarien mit Kampfdrohnen angedacht zur Durchsetzung von Flugverbotszonen, Sicherung von erobertem Territorium sowie von Gefechtsfeldeinsätzen in der Stadt und auf See. Kampfdrohnen revolutionieren die Kriegführung. Sie sollen Kampfflugzeuge und Kampfhelikopter ersetzen. Die Forschungsabteilung des US-Pentagons empfiehlt, jedes Kriegsschiff der USA mit Kampfdrohnen auszustatten, die 900 Meilen weit fliegen. Warum 900 Meilen? Weil man herausgefunden hat, dass 98 Prozent aller Menschen 900 Meilen entfernt von einer Küste leben und somit von Kampfdrohnen bekämpfbar wären. Davon abgesehen warnen Experten vor der Einführung von Kampfdrohnen, weil damit der Weg in die Autonomisierung beschritten wird, der den Menschen schrittweise aus dem Prozess heraus drängt. Am Ende der Entwicklung fällt die Killerdrohne selbständig die Entscheidung zum Waffeneinsatz. Eine Pentagon-Langzeitstudie strebt genau diese Autonomisierung der Kampfdrohnen an.
Je eher dieser Irrweg verlassen wird, desto besser. Deshalb zum Abschluss, noch einmal die Bitte: Unterstützt die bundesweite Unterschriftensammlung „Kampfdrohnen ächten“ und nutzt den Global Action Day gegen Kampf-und Überwachungsdrohnen am 4. Oktober für eine Aktion vor Ort.
Vielen Dank.

Schlussansprache am 6.09.2014
Werner Höner, Porta-Westfalica

Mein besonderer Dank gilt den Rednern Arno Klönne und Lühr Henken dafür, dass sie unsere Erwartungen an eine Friedenpolitik zum Ausdruck gebracht haben.

Mein Dank gilt Herrn Franz, der hier noch einmal den Kampf um die Befreiung unseres Volkes vom Faschismus gewürdigt hat und dazu gehörten auch die Armeen der Sowjetunion die den größten Blutzoll dafür erbracht haben. Dazu gehören auch die 65.000 Menschen, die hier in Stukenbrock ums Leben gekommen sind sowie die Überlebenden dieses Lagers. Sie alle haben ihr Leben eingesetzt auch für die Befreiung unsers Volkes.

Ich denke oft daran, dass hier der Russe Georgy Kholny und der Ukrainer Micha Rosanzew gemeinsam jahrelang an unseren Veranstaltungen teilnahmen. Beide verband eine enge Freundschaft. Sie haben gemeinsam gegen den Faschismus gekämpft. Sie haben hier im Lager gemeinsam gelitten und die Flucht gewagt.

Ich frage mich immer wieder:
Kann es denn wahr sein, dass heute Menschen Russlands und der Ukraine , die gleichermaßen unter dem Faschismus gelitten haben und gegen den Faschismus gekämpft haben, sich feindlich gegenüberstehen?

Es gibt für mich keine Alternative zu dem Appell auf unserer Kranzschleife „Verhandeln ist besser als schießen“.

Und das gilt gegenwärtig für alle Krisen. Wir brauchen keinen Krieg.
Wir sollten uns auch nicht irreleiten lassen durch Halbwahrheiten und Lügen, die uns immer wieder durch Politiker und Medien serviert werden.

In dem Lied von Hannes Wader, „ weit in der Champgane…“ das die Künstlergruppe vorhin vortrug, wird im Text immer wieder davon berichtet, wie die Menschen belogen wurden.

Ich meine, dieses Lügen erleben wir jetzt täglich wenn es um Berichte über die Ukraine geht.
Ich erinnere in diesem Zusammenhand daran, dass der US- Präsident Obama einen Tage nach dem Flugzeugabsturz in der Ost- Ukraine behauptete, er habe Beweise für den Abschuss dieses Passagierflugzeuges durch pro russische Kräfte habe. Bis heute jedoch lieferte er diese Beweise nicht.

Hat er auch solche Beweise, die sein Vorgänger Bush abgab zu haben, als er uns die Lüge von den Atomraketen im Irak präsentierte und die dann der Anlass für den völkerrechtswidrigen Krieg gegen den Irak waren?

Ich glaube, mir müssen sehr sorgfältig umgehen mit den Dingen, die man uns heute präsentiert.

Wir müssen durch unser Handeln dafür sorgen, dass die Mahnung von Stukenbrock Richtschnur allen politischen Handelns wird.

Sie lautet:
„Und sorget Ihr, die Ihr noch im Leben steht, dass Frieden bleibt, Frieden zwischen den Menschen, Frieden zwischen den Völkern“.

Wir werden oft gefragt, wann denn nun hier auf den Obelisken
die Glasplastik in Form einer roten Fahne wieder angebracht wird? Sie war in der Zeit des kalten Krieges aus politischen Gründen entfernt worden.

Seit Jahres setzen sich Überlebende dieses Lagers dafür ein, dass das von Ihnen erbaute Denkmal wieder so hergestellt wird, wie sie es 1945 für ihre toten Kameraden gebaut hatten, mit einer die rote Fahne ihres Sieges symbolisierenden Glasplastik. Sie war in der Zeit des kalten Krieges aus politischen Gründen entfernt und durch ein orthodoxes Kreuz ersetzt worden.

Die Landesregierung hatte 2006 beschlossen, nachdem Überlebende sie darum gebeten hatten, den Obelisken wieder in seinen ursprünglichen Zustand zu versetzen.

Seither wurde viel darum gestritten, aber konkretes geschehen ist bisher nichts, außer zahlreicher Gespräche und Zusagen.

Nun haben sich in der letzten Woche erneut zehn Überlebende des Lagers in einem Brief mit der Bitte an den Arbeitskreis gewandt, erneut an die Behörden unseres Landes heranzutreten um endlich diesen Akt aus der Zeit des kalten Kriegs zu überwinden.

Sie schreiben u.a.:

„Es befremdet uns sehr, dass es nun fast 70 Jahre nach der Befreiung des Lagers immer noch Menschen gibt, die den damals für uns verletzenden Akt rechtfertigen und offenbar solchen Druck auf die Behörden ausüben, um diese daran zu hindern, unser Denkmal so wieder herzustellen, wie wir, die Überlebenden dieser Hölle, es gebaut hatten.“

Wir appellieren auch hier von dieser Stelle erneut eindringlich an die Landesregierung, endlich ein Zeichen dafür zu setzen, dass unser Land bereit ist, Relikte des kalten Krieges endlich zu überwinden. Diesen Respekt sollte unser Land den Überlebenden entgegenbringen.

Verehrte Anwesende, liebe Freundinnen und Freunde,

wenn heute mache Zeitgenossen uns Nostalgie vorwerfen und fragen, warum wir Jahr für Jahr hier zu den Gräbern in Stukenbrock kommen, sagen wir:

Es war wichtig, auch in diesem Jahr hier nach Stukenbrock zu kommen!

Pastor Heinrich Diestelmeier, einer der Gründer und langjähriger Ehrenvorsitzender des Arbeitskreises Blumen für Stukenbrock schrieb dazu am 29. Oktober 1996 an seine Enkeltochter:

„Ich hielt es für meine moralische Pflicht als Christ und Zeitzeuge des faschistischen Terrors an dieser Stätte des Grauen über mein Versagen nachzudenken.“

Er schreibt dann:

„Was würde geschehen, wenn wir unseren Verein Blumen für Stukenbrock langsam einschlafen ließen und uns – was die Gräberstätte in Stukenbrock anbelangt- mit dem Gedanken zufrieden gäben, dass ja am Volkstrauertag Vertreter der Regierung von NRW und der Kirchen vor dem Denkmal einen Kranz niederlegen, zu denen sich auch Blumen für Stukenbrock auf den Gräbern harmonisch gesellen ließen?

Versuch einer Antwort:

1. Wir wären bei einem solchen Ritual Teilnehmer eines stummen Gedenkens der „Weißwäscher“ (Brecht).
2. Die Chance zu einer öffentlichen Antikriegs-Kundgebung, die bisher bestrebt war, den Anfängen zu wehren, wäre verpasst. „Die Blumen für Stukenbrock“ wären poetisch ausgedrückt, „verwelkt“, so wie die Kränze verwelken, die vor dem Denkmal aufgebaut werden.

Meine Schlussfolgerung:

Unsere Verpflichtung, die Blumen nicht verwelken zu lassen, besteht darin, dass wir politisch wach bleiben und dann unsere Stimme erheben, wenn die Parteien, Gewerkschaften und Kirchen sich, aus welchen Gründen auch immer, in Schweigen hüllen.“

Ich danke Ihnen für Ihr kommen.

Wir wären Ihnen auch in diesem Jahr für eine Spende zugunsten der Überlebenden des Stukenbrocker Lagers dankbar. Es sind nur noch wenige ehemalige Gefangene, die wir in den Weiten der ehemaligen UdSSR erreichen. Denen wollen wir zeigen, dass sie von uns nicht vergessen werden.

Sowjetischer Soldatenfriedhof Stukenbrock-Senne, Senner Straße

Sonnabend, 6. September
14.00 Uhr Friedhofsführungen
15.00 Uhr Kranzniederlegung

Gedenkansprachen:
Roman Franz Landesverband Deutscher Sinti und Roma NRW
Lühr Henken Berliner Friedenskoordination
Arno Klönne Soziologe Paderborn

Das Jahr 2014 hat viele Gedenktage. Dazu gehört besonders die Erinnerung an den Beginn des I. Weltkrieges vor 100 Jahren und des II. Weltkrieges vor 75 Jahren.
Nie darf vergessen werden, wie viel Leid und Elend der Menschheit mit diesen Kriegen angetan wurde. Das „Nie wieder Krieg und Faschismus“ von 1945 sollte als stete Mahnung an die Überlebenden und die kommenden Generationen verstanden werden.
1990 schien der Kalte Krieg zwischen West und Ost friedlich beendet zu sein. Die Gegenwart zeigt, dass das nicht von allen Beteiligten so gesehen wurde. Die NATO erweiterte entgegen der damaligen Erwartungen ihren Einfluss nach Osten. Ihre Truppen stehen heute an den Grenzen Russlands. Eine beispiellose Einmischung von Politikern der USA und der EU in die inneren Angelegenheiten der Ukraine und das Streben nach Eingliederung dieser ehemaligen Sowjetrepublik in die Strukturen der EU sieht Russland offenbar als Bedrohung. Nicht gegen, sondern nur mit Russland ist der Friede in Europa zu sichern. Die deutsche Außenpolitik sollte das als ehernen Auftrag aus der Geschichte vorleben!
Es darf nie vergessen werden, das die Völker der damaligen UdSSR für die Befreiung Europas und Deutschlands von der Naziherrschaft über 20 Millionen Tote zu beklagen hatten. Dazu gehören auch die 65.000 im Lager 326 VI-K in Stukenbrock von Deutschen zu Tode gequälten sowjetischen Kriegsgefangenen, die in der Erde des heutigen Sowjetischen Soldatenfriedhofs ruhen.
In der Zeit des Kalten Krieges ließ die CDU- NRW Landesregierung 1954 die Glasplastik, die eine rote Fahne symbolisierte, von dem Denkmal auf dem Friedhof entfernen. Das Denkmal hatten die Überlebenden für ihre toten Kameraden errichtet. Die rote Fahne war ihr Symbol des Sieges über Hitlerdeutschland.
Bis heute wurde, trotz erklärter Absicht der Landesregierung, das Denkmal in seiner ursprünglichen Form wieder herzustellen, nichts dergleichen getan. Die Feindbilder aus der Zeit des Kalten Krieges sind offenbar bis heute nicht überwunden. Dieses Verhalten widerspricht den Absichtserklärungen führender deutscher Politiker.
Wir fordern:

  • Schluss mit dem Kalten Krieg gegen Russland!
  • Deutsche Außenpolitik muss Friedens- und Entspannungspolitik sein!
  • Ob in Syrien oder der Ukraine: Alles ist zu tun für friedliche Konfliktlösungen!
  • Rüstungsexporte stoppen, denn Rüstung begünstigt Kriege!
  • Keine Modernisierung der USA- Atomwaffen, sondern ihren Abzug!
  • UND SORGET IHR, DIE IHR NOCH IM LEBEN STEHT, DASS FRIEDEN BLEIBT, FRIEDE ZWISCHEN DEN MENSCHEN, FRIEDE ZWISCHEN DEN VÖLKERN!

    In diesem Sinne laden wir ein zu einer Mahn- und Gedenkveranstaltung zum Antikriegstag am Sonnabend, dem 6. September 2014 auf dem Sowjetischen Soldatenfriedhof in Stukenbrock.
    Arbeitskreis Blumen für Stukenbrock e.V.