Antikriegstag 2016 - Mahn- und Gedenkveranstaltung am 3. September in Stukenbrock-Senne

Begrüßung durch Hubert Kniesburges

Liebe Friedensfreundinnen und -freunde, verehrte Anwesende,
ich begrüße euch zu der diesjährigen Mahn- und Gedenkveranstaltung hier auf dem Gräberfeld sowjetischer Kriegsgefangener in Stukenbrock-Senne.
Ganz besonders begrüße ich
Andrey Latkov, Attaché des Generalkonsulats der Russischen Föderation in Bonn
Uwe-Karsten Heye, Vorstand des Vereins „Gesicht zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland“ wird heute die Gedenkrede sprechen
Heinz-Wilhelm Tzschentke, stellv. Bürgermeister der Stadt Schloß Holte
Friedhelm Schäffer, Vorstansmitglied des Fördervereins der Dokumentationsstätte Stalag 326 Senne e.V.
Weiter begrüße ich Bundestagsabgeordnete der SPD und der Partei Die Linke, Landtagsabgeordnete der SPD, Ratsvertreter der SPD und der Grünen aus Schloß Holte-Stukenbrock sowie die Bezirksvorsitzende Ruhr Westfalen der DKP
liebe Friedensfreundinnen und -freunde, verehrte Anwesende,
75 Jahre ist es her, dass sowjetische Kriegsgefangen hier in das Lager Stalag 326 in Stukenbrock-Senne verschleppt wurden. Heute versammeln wir uns hier zur 50. Mahn- und Gedenkveranstaltung seit 1967 auf diesem Gräberfeld anlässlich des Antikriegstages, der an den völkerrechtswidrigen Angriff der Wehrmacht am 1. September 1939 auf Polen erinnert. Wir gedenken der 65.000 toten sowjetischen Kriegsgefangenen, die hier im Lager 326 zu Tode gequält wurden. Außer ihnen starben in diesem Lager zahlreiche Gefangene und Zwangsverschleppte aus der UdSSR, aus Polen, Frankreich, Italien und Jugoslawien.
So wie wir an ihr Leid und an ihren Tod erinnern, gedenken wir der vielen Millionen Menschen, die im 2. Weltkrieg und den vielen Kriege danach, bis in die aktuelle Gegenwart ihr Leben verloren haben. All diese Toten mahnen uns, Kriege als Mittel der Politik zu verdammen!
Mit einer Schweigeminute wollen wir der Toten gedenken:
Wenn wir heute bei der 50. Mahn- und Gedenkveranstaltung zurückblicken, so fällt der Blick keineswegs auf eine friedliche, von Völkerfreundschaft und Völkerverständigung geprägten Zeit. Zu keinem Zeitpunkt ist diese Welt ohne kriegerische Auseinandersetzungen gewesen.
Auch der diesjährige Antikriegstag steht unter keinen guten Vorzeichen: Kriege und Bürgerkriege in der Welt haben nicht abgenommen, bewaffnete Konflikte haben sich längst zu großflächigen Krisenherden ausgeweitet. In einem nie dagewesenen Ausmaß sind Millionen von Menschen weltweit auf der Flucht vor Krieg und Terror. Wer Fluchtursachen bekämpfen will, sollte sich für eine friedliche Lösung aller Konflikte einsetzen, sollte seine Stimme erheben gegen Kriegswaffenexporte. Wer Waffen exportiert, fördert Kriege und erntet Flüchtlingsströme. Das Flüchtlingselend und der Terror sind eng verbunden mit den Kriegen der Gegenwart.
Nur wenige Meter von uns entfernt beginnt der Truppenübungsplatz „Senne“. Eine „wildschöne Landschaft“, die seit mehr als 120 Jahren von dem Militär als Lernort des Tötens missbraucht wird. Die britische Rheinarmee hat mit dem angekündigten Abzug begonnen. Jetzt besteht die einmalige Chance, dieses Areal einer friedlichen Nutzung als Nationalpark zu zuführen.
Wir sind vor fast 50 Jahren Jahren angetreten, um gegen den Zeitgeist Brücken nach Osten zu bauen und uns gegen das Vergessen zu engagieren. Gerade heute ist es wichtig, angesichts der 65.000 Toten von Stukenbrock, erneut an die Verantwortlichen in unserem Lande zu appellieren, alles zu tun, dass Frieden bleibt, Frieden zwischen den Menschen, Frieden zwischen den Völkern.

Gedenkrede Uwe-Karsten Heye

Wer könnte in Worte fassen, was hier an diesem Ort an menschenfeindlichem Hass ausgelebt wurde. Wer immer hier in den letzten Jahren gesprochen hat, musste daher erkennen, dass kein Wort verfügbar ist, was das Grauen treffend beschreiben könnte, das sich hier vor mehr als 70 Jahren zugetragen hat. Der einzige, dem doch eine Annäherung gelang, war Heinrich Albertz, der Stukenbrock wie ein Kritiker seiner Erinnerungen es empfand, mit „Demut und Aufrichtigkeit weiht“. Seitdem ich die Biografie von Heinrich Albertz gelesen habe, Pastor und in den 1960er Jahren Regierender Bürgermeisters von Berlin, weiß ich von diesem Stammlager und es regte mich vor Jahren an, Stukenbrock zu besuchen, diesen im deutschen Geschichtsbuch fast unbekannt gebliebenen Ort, der auch in Schulbüchern keine Erwähnung findet.

Das Stammlager (STALAG) 326, das größte Kriegsgefangenenlager für russische Soldaten, wurde fast zeitgleich 1941 mit dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion gegründet. Die ersten 7.000 Gefangenen wurden bereits im September 1941 hinter Stacheldraht und Wachtürmen auf freies Feld getrieben - nur drei Monate nach Kriegseintritt der Sowjetunion. Dort blieben sie sich selbst überlassen, sie vegetierten unter freiem Himmel, ohne ausreichende Nahrung oder medizinische Betreuung. Es gab keinen Schutz vor Kälte oder Regen, sie lebten in selbst ausgehobenen Höhlen.

Der programmierte Tod, der an diesem Ort sichtbar wird, zeigt auf, was der Überfall auf Russland 1941 zum Ziel hatte: Die Nazis und selbsternannten Herrenmenschen wollten die Auslöschung Russlands und die Versklavung der Wenigen, die den Mordauftrag der Wehrmacht überleben würden.

Wie das erreicht werden sollte, zeigt auch das Massengrab Stukenbrock. Nicht anders als die Genickschusssalven, mit denen Sonderkommandos der Bereitschaftspolizei hinter der Front im Baltikum und in der Ukraine die „Schtetl“ judenfrei schossen. Und russische Kriegsgefangene, die ihre Massengräber selbst ausheben mussten, in die sie anschließend geschossen wurden. Rund 300.000 Gefangene gingen in vier Jahren, bis zur Befreiung im Juni 1945, durch das Lager Stukenbrock. In 36 Massengräbern liegen mindestens 65.000 - zu Tode gequälte sowjetische Kriegsgefangene. Keiner kennt die genaue Zahl, und niemand wird sie je erfahren. In Nebenlagern waren außerdem Menschen aus Polen, Italien und Frankreich und den Balkanländern gefangen, für die es immerhin Baracken gab.

Seit im vorigen Jahr Bundespräsident Gauck eine erste Stele mit 900 Namen der bislang scheinbar namenlosen Toten enthüllte, wurden wenigstens diese der Anonymität entrissen, und ihre Schicksale werden zum Schicksal von Personen. Weitere Stelen mit Namen von Opfern sollen die Erinnerung wach halten an die Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die an ihnen verübt wurde.

Wer im weltweiten Netz das Suchwort „Stukenbrock“ eingibt, wird alles über den beliebten Zoo und „größten deutschen Safaripark“ Stukenbrock erfahren. Auf die Nachbarschaft der Todesstätte des Stalag IV K 326 Stukenbrock-Senne stößt nur, wer schon weiß, dass es hier einen Ehrenfriedhof und eine Gedenkstätte gibt. Umso wichtiger ist der jährlich im September stattfindende Gedenk- und Antikriegstag des Arbeitskreises „Blumen für Stukenbrock“. Es ist dieser privat organisierte Verein, der im kommenden Jahr sein 50jähriges Bestehen feiern kann. Aus der Friedensbewegung entstanden, gelingt es dem Arbeitskreis bis heute, die Geschehnisse in Stukenbrock vor dem Vergessen zu bewahren.

Vor einem Jahr mahnte Bundespräsident Gauck ein nachdrücklicheres Gedenken an für das Leid der Menschen, die hier als Kriegsgefangene zu Tode kamen. Es wäre für das Land Nordrhein-Westfalen sicher angemessen, dem Wort des Bundespräsidenten Geltung zu verschaffen und den Arbeitskreis „Blumen für Stukenbrock“ auch finanziell in seiner Erinnerungsarbeit zu unterstützen. Seit Jahrzehnten ist der Arbeitskreis bemüht, Kontakte in Russland zu denen zu knüpfen, die um Angehörige trauern, die hier ums Leben gekommen sind. Und den Hinterbliebenen eine kleine Rente zuzusprechen. Das setzte allerdings voraus, dass die Opfer des Überfalls der Wehrmacht auf Russland gleichberechtigt im Gedenken an die mehr 40 Millionen Menschen erinnert werden, die im Zweiten Weltkrieg den Tod fanden.

Mehr als 20 Millionen Opfer allein in Russland: Es war das erklärte Ziel der Nazis, der „Endlösung der Judenfrage“ die Auslöschung des russischen Volkes folgen zu lassen. Das Unternehmen „Barbarossa“, so der Tarnname für den Überfall auf die Sowjetunion, war nach 1945 im Kalten Krieg umgelogen worden zum Kampf gegen den Stalinismus. So sahen viele aus der Generation der Täter keinen Anlass, sich der schrecklichen Wahrheit über das wirkliche Ziel des Überfalls auf die Sowjetunion zu stellen.

Erneut hören wir heute im rechtspopulistischen Fahrwasser der AfD und der „Abendspaziergänger“ montags in Dresden und anderswo die Aufforderung, die Vergangenheit endlich ruhen zu lassen. Gleichzeitig macht sich schon wieder das elende Denken breit, es gebe die einfachen Antworten. Dabei wird nur Hass geschürt, und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit verbreitet gegen alles Fremde. Rassismus und Antisemitismus erobern sich Räume im Netz und finden sich als Parolen auf Häuserwänden. Flüchtlingsunterkünfte brennen. Feuerwehrmänner wehren sich gegen einen rechten Mob, der sie hindern will, die Flammen zu löschen. Neue Nazis auch in den alten Ländern. Der Blick auf Dresden sollte den Blick auf Dortmund und andere Städte im „alten Westen“ nicht verstellen, denn auch dort gibt es Morddrohungen gegen Bürger, Politiker und Journalisten, die sich den Rechtsextremisten entgegenstellen.

Mehr als tausend Attacken und Anschläge gegen Flüchtlinge und Flüchtlingsunterkünfte zeugen von wachsender Aggressivität am rechten Rand der Gesellschaft. Über Erfolge der Polizei bei der Aufklärung des Terrors von rechts ist allerdings weniger zu hören.

65 Millionen Flüchtlinge zählt das UN-Flüchtlingshilfswerk, und zeitgleich wächst die Bereitschaft in ganz Europa, den rechten Populisten zu folgen. Die Europäische Union ist in der Krise und die Gefahr eines erneuten Rückfalls in den Nationalismus wird beschworen, der Europa schon zweimal in schreckliche Kriege gestürzt hat. Vermutlich werden Flucht und Vertreibung zu den nachhaltigen Themen des noch jungen 21. Jahrhunderts gehören. Dazu kommen Naturkatastrophen, die ebenfalls durch den Menschen verursacht werden, der Klimawandel. Was die Welt also ganz bestimmt nicht braucht, ist die Wiederholung der Fehler, die das 20. Jahrhundert begleitet und erschüttert haben.

Es ist wichtig und wird immer wichtiger, zu einer wirklichen und nachhaltig wirksamen Friedenspolitik zurückzufinden. Ich hoffe immer noch, dass auch Europa sich erneut seiner historischen Aufgabe zuwendet, zu einer Friedensordnung für den Kontinent zu finden. Dazu gehört unabweisbar, entstandene Gegensätze zwischen Europa und Russland abzubauen. Dazu muss auch Moskau beitragen. Frieden wird es in Europa nur dann geben, wenn die Zusammenarbeit mit Russland wieder fruchtbar werden kann. Stukenbrock ist daher mehr als nur die Mahnung, Wiederholungszwang zu vermeiden. Keiner der Toten, die hier verscharrt wurden, und für die nun, nach und nach, endlich ein angemessener Erinnerungsort entsteht, könnte den heute lebenden Menschen verzeihen, wenn sie den tausendfachen Tod, der hier zu betrauern ist, vergessen würden.

Schlusswort von Werner Höner

Zunächst ein Dank an den Redner, den Künstler, die Teilnehmer des Jugendcamps, an die Helferinnen und Helfer und an Sie und Euch, die Anwesenden.
Ihr habt durch Eure Teilnahme an der heutigen Veranstaltung erneut zum Ausdruck gebracht habt, dass es hier in Stukenbrock über Partei- und Konfessionsgrenzen hinweg von großer Bedeutung ist, den gemeinsamen Willen zum NIE WIEDER Krieg und Faschismus hier an den Gräbern der 65.000 sowjetischen Kriegsgefangenen zu dokumentieren.
Die heutige Antikriegstagsveranstaltung unseres Arbeitskreises ist für mich die fünfzigste, an der ich teilnehme. Die erste war im Jahr 1967. Wir werden also im nächsten Jahr 50.
Da fragt man sich natürlich: Hat sich dieser Einsatz gelohnt? Haben wir etwas erreicht?
Wir meinen: Es hat sich gelohnt.
Der Antikriegstag, der an den Beginn des 2. Weltkrieges erinnern soll ist im Bewusstsein vieler Menschen verankert. Zigtausende Menschen haben in den vergangenen 50 Jahren ihren Willen zum Nie Wieder Krieg, Nie wieder Faschismus bekundet. Stukenbrock mahnt zum Frieden!
Heute ist es erneut angebracht, die Regierenden an das Friedensgebot des Grundgesetzes zu erinnern:
Deutschland darf sich nicht an dem, wie Außenminister Steinmeier sagte „Säbelrasseln“, beteiligen!
Deutschland muss jetzt ein klares Zeichen setzen.
Wir wollen, dass endlich die Atombomben aus Büchel abgezogen werden!
Da die NATO sich überlebt hat, ist an der Zeit, sich mit Russland engagiert um den Frieden zu bemühen!
Ich frage mich:
Was wäre geworden, wenn wir uns nicht zu einer politischen Gedenkstätteninitiative aufgerafft hätten?
Für uns gehörte und gehört die Erinnerung an die Kriegsverbrechen, die hier geschehen sind, unmittelbar zusammen mit notwendigen Lehren aus der Vergangenheit und somit einer Aufgabenstellung für die Gegenwart und Zukunft - ganz im Sinne der Mahnung von Stukenbrock
UND SORGET , IHR DIE IHR NOCH IM LEBEN STEHT, DASS FRIEDEN BLEIBT, FRIEDEN ZWISCHEN DEN MENSCHEN, FRIEDEN ZWISCHEN DEN VÖLKERN.
Ich bin davon überzeugt, dass unser Weg richtig und gerade für die Menschen hier in der Region notwendig war. Denn heute gibt es dank vielseitiger Aktivitäten die Dokumentationsstätte, heute gibt es Literatur und Filme über das Lager und den Friedhof und heute schätzt man die große Versöhnungsarbeit von Blumen für Stukenbrock weit über die Grenzen unseres Landes hinaus.
Heute verbinden viele Menschen in Moskau und Wolgograd, in Concarneau und Marzabotte den Namen Stukenbrock mit der Tätigkeit von Blumen für Stukenbrock.
Mit unserer Spendenaktion für die Überlebenden des Stalag seit den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts haben wir den Menschen, die hier gelitten haben deutlich gemacht, dass sie bei uns nicht vergessen worden sind. Dafür sind sie sehr dankbar und diesen Dank für Ihre Spenden der uns immer wieder erreicht, gebe ich hiermit weiter!
Das hätte im Namen aller Deutschen der Bundestag und die Bundesregierung tun müssen. Erst in diesem Jahr entschloss man sich zu einer kleinen finanziellen Entschädigung für die noch Lebenden. Seit Jahrzehnten haben wir diese gefordert.
Wir wollten durch unsere Arbeit gerade in der Zeit des Kalten Krieges Brücken bauen. Das ist uns auf vielen Gebieten gelungen. Überlebende des Stalag 326 und viele Menschen aus der damaligen Sowjetunion kamen hierher und bekundeten ihre Hochachtung vor den Friedensaktivitäten vieler Deutscher.
Überlebende hofften nach 1990 bisher vergeblich, dass das von ihnen gebaute Denkmal hier auf dem Friedhof wieder die Form erhielt, wie sie es 1945 errichtet hatten.
Die 1956 hier erfolgte Denkmalschändung wurde bedauerlicherweise im vergangenen Jahr seitens der NRW- Landesregierung auf Druck hiesiger CDU- Politiker nicht rückgängig gemacht, obwohl sie schon vor über 10 Jahren beschlossen war.
Dafür kann man kein Verständnis haben, ebenso dafür dass hier vor dem Friedhof nun eine BMX- Bahn entstehen soll.
Das alles zeigt, wie notwendig auch in der Zukunft eine politische Gedenkstättenarbeit und Wachsamkeit vor Geschichtsfälschern ist.
Unsere Forderungen nach einer aktiven Friedenspolitik als Bestandteil des Gedenkens werden wir weiter vertreten und dafür wollen wir arbeiten.
Dafür brauchen wir Ihre Unterstützung. Denn diese Arbeit ist wichtig heute und in Zukunft.